Erkundung des Grenzlandes zwischen Kunst und Handwerk im Bröhan-Museum

Berlin – Die Industrialisierung ermöglichte die Massenproduktion von zuvor per Hand gefertigten Gebrauchsgegenständen. Diese prosaische Angelegenheit führte dazu, daß sich Künstler und Produzenten die Frage nach dem Wesen und den Grenzen der Kunst neu stellten und das Verhältnis von Funktion und Ästhetik ausgiebig diskutiert wurde. Ausgehend von den Entwicklungen in England zur Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Bauhauses in den 1930er Jahren bietet das Bröhan-Museum nun bis zum 5. Mai 2019 einen umfassenden Überblick dieses Grenzlandes, betitelt "Von Arts and Crafts zum Bauhaus. Kunst und Design – eine neue Einheit!"

Vorab gleich zwei Feststellungen: zum einen handelt es sich beim Großteil der Objekte um solche aus den eigenen Beständen, die zum Teil auch in der bisherigen Dauerausstellung zu sehen waren, nur Weniges ist bislang nicht gezeigte Leihgabe. Zum anderen ist auf den zwei Etagen nur ein sehr geringer Teil an bildender Kunst dabei, das Meiste sind Möbel und diverse Gebrauchsgegenstände. Wir werden hier nur einige Aspekte streifen können.

 

Vorgegangen wird chronologisch nach Wirkungszeit der vorgestellten Gruppen, Strömungen und Einzelprotagonisten, und der Ansatz überzeugt absolut, auch wenn die Zuordnung sich nicht in jedem Punkt erschließt. Insgesamt ist jedoch von einer übersichtlichen und einleuchtenden Präsentation zu sprechen, und die jeweiligen Begleittexte erfüllen ihre Funktion bei der Einordnung der Schauobjekte.

 

Begonnen wird mit einer historischen Zäsur, welche sich fern von Europa ereignete, und doch auch hier von gewaltigem Einfluß war, nämlich der erzwungenen Öffnung Japans 1853, welche dazu führte, daß plötzlich japanische Ästhetik in Europa Einzug hielt; der „Anglo-Japanese Style“ verband diese mit englischer Möbeltradition.

 

Bedeutend wurden auch William Morris als Begründer der Arts and Crafts-Bewegung und sein präraffaelitisches Umfeld (John Ruskin, Edward Burne-Jones usw.). Tatsächlich finden sich neben einem von Morris’ berühmten Teppichen auch von den präraffaelitischen Kunstmalern Ford Madox Brown und Dante Gabriel Rossetti entworfene ... Stühle! Die Malerei ist in diesem Abschnitt mit nur einem Werk vertreten, einem Gemälde Walter Cranes von 1862 – aber wann sieht man in Berlin überhaupt einmal einen Präraffaeliten?

 

Die französische Parallele im Art Déco bzw. Art Nouveau bleibt ausgespart, behandelt werden jedoch der Niederländer Henry van de Velde (vertreten mit einem Möbelensemble) sowie entsprechende Entwicklungen im deutschsprachigen Raum, vom Wiener Jugendstil um Josef Hoffmann und Otto Wagner bis zu Heinrich Vogeler, welcher zum Anfang des 20. Jahrhunderts in der Künstlerkolonie Worpswede tätig war. Gezeigt werden von diesem ein paar Radierungen aus der Serie „Der Frühling“ (1899) sowie Möbel aus der Worpsweder Werkstätte zwischen 1905 und 1909. Auch Möbel des Architektenduos Campbell & Pullich, welche den „englischen Stil“ in Deutschland auf den Markt brachten, sind im Programm.

 

Die Fortsetzung im ersten Obergeschoß beginnt mit einer Zeittafel zu wesentlichen Daten aus Politik, Wirtschaft und Kunst sowie einem Raum mit Zitaten zur Rezeption von Arts and Crafts in Deutschland. Tatsächlich hatte Morris mit dem Ansinnen begonnen, erschwingliche und gleichzeitig ästhetische Möbel für breite Volksschichten zu produzieren, herausgekommen waren jedoch Luxusgegenstände, welche sich nur wenige leisten konnten. Wie könnte das Problem besser gelöst werden? Welche Rolle sollten die Maschinen dabei spielen?

 

Eine praktikable Antwort fand der Architekt, Designer, Maler und Gelehrte Richard Riemerschmid, welcher die Einzelteile seiner Möbel zum späteren Zusammenbau industriell fertigen ließ. Von ihm sind eine Reihe gleichzeitig schlichter und stilvoller Produkte zu sehen. Weiter geht es mit dem „Deutschen Werkbund“, welcher 1907 mit dem Ziel der „Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk, durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen“ ins Leben gerufen wurde. Erläutert wird der um die Fragen der Grenze zwischen Kunst und Industriedesign sowie der Rolle des Künstlers geführte Werkbundstreit von 1914, zu sehen sind Plakate und zahlreiche Gebrauchsgegenstände vom Porzellanset bis zum Tischventilator.

 

Als nächstes wird die 1917 von Theo van Doesburg gegründete holländische De Stijl-Bewegung mit ihrem bewußten und im Gegensatz zu Arts and Crafts formulierten Bekenntnis zur „Ästhetik des Maschinenzeitalters“ als dem „ultimativen Stil der Moderne“ vorgestellt. Die Raumgestaltung ist hier an den sicher bekanntesten Vertreter der Bewegung, Piet Mondrian, angelehnt. Hübsch gemacht – allerdings ist keines von Mondrians eigenen Werken dabei. Als Maler ist nur César Domela mit einem Ölbild vertreten.

 

Die letzten Räume widmen sich dem Bauhaus und dessen bei aller Modernität beachtenswerten Bezügen auf Arts and Crafts wie auch Mittelalter, angefangen bei der Gründung in Weimar durch Walter Gropius im Jahr 1919 bis zur stärker an der industriellen Produktion orientierten Dessauer Phase unter Hannes Meyer und dessen Absetzung 1930. Gezeigt werden zahlreiche Sitzmöbel (vor allem von Marcel Breuer), Keramiken, Grafiken und Gemälde (mit dabei Georg Muche und Walter Dexel). Dokumentiert wird auch der Einfluß von De Stijl und Konstruktivismus, welcher unter den Meistern des Bauhauses keineswegs unumstritten war, wie Zitate von Oskar Schlemmer und Lyonel Feininger belegen. Diese beiden, wie auch Paul Klee, sind leider nicht im Programm.

 

Insgesamt eine vor allem didaktisch sehr schön gemachte Ausstellung, auch wenn wir uns natürlich einen deutlich höheren Anteil an bildender Kunst gewünscht hätten. Das Bröhan-Museum (Landesmuseum für Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus) befindet sich in der Schloßstraße 1a in 14059 Berlin (in der Nähe des Schlosses Charlottenburg). Geöffnet ist es von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10-18 Uhr. Der Eintritt kostet 8,-, ermäßigt 5,- Euro.

 

Verweise:

http://www.broehan-museum.de/aktuelles/von-arts-and-crafts-zum-bauhaus-kunst-und-design-eine-neue-einheit/

Letzte Änderung am Freitag, 01 Februar 2019 00:01
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"Von Arts and Crafts zum Bauhaus. Kunst und Design – eine neue Einheit!" (Ausstellungsansicht, Foto: Ruedi Strese, 2019)
"Von Arts and Crafts zum Bauhaus. Kunst und Design – eine neue Einheit!" (Ausstellungsansicht, Foto: Ruedi Strese, 2019)

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