Ein besonderes Stück Kunstgeschichte in der ungarischen Botschaft Berlin

Berlin – Das 1992 errichtete Kempinski Hotel Corvinus Budapest ist sicher nicht das einzige Nobelhotel auf der Welt, welches seine Räumlichkeiten mit Kunstwerken dekoriert.

Interessant ist es vor allem dadurch, daß hier die Kunst sich nicht allein dem Gastbetrieb unterordnet, sondern der Bestand explizit Sammlungscharakter besitzt – zum Zeitpunkt des Baus wurde bewußt 1% des Budgets für Kunstgegenstände veranschlagt, wobei auf hohe Qualität Wert gelegt wurde und aus diesem Anspruch heraus Schätze aus rund 200 Jahren ungarischer Malerei zusammengetragen wurden. Ein Teil dieser wird nun anläßlich des 26jährigen Bestehens des Hotels in einer Wanderausstellung präsentiert, welche noch bis zum 18. November in der Ungarischen Botschaft in Berlin zu besichtigen sein wird.

 

Gleich vorweg: die Öffnungszeiten (siehe unten) decken sich nicht mit jenen des Konsulats, und es ist dem Pförtner am Eingang Unter den Linden zu signalisieren, daß man tatsächlich die Ausstellung zu betrachten wünscht. Diese aber hat es in sich. In einem größeren Raum sind etwa 30 Gemälde und Skulpturen zu besichtigen; auf Nachfrage erfahren wir, daß es sich nicht um den kompletten Bestand der Wanderausstellung handelt, sondern man sich aufgrund der begrenzten Räumlichkeit zur Auswahl gezwungen sah. Nun gut.

 

Die Sammlung nahm ihren Anfang mit dem Fokus auf der Kunst des 19. Jahrhunderts und früher Moderne; im Laufe der Zeit nahm der Anteil an gegenwärtiger Kunst zu, wobei auch auf engen Kontakt mit der lebendigen ungarischen Kunstszene Wert gelegt wird. Dabei wurde ein Teil der Werke eigens für das Hotel geschaffen.

 

Was nun die in Berlin gezeigte Auswahl angeht, so ist das früheste Werk die Darstellung eines Hirtenjungen von Antal Haán (1827-1888) von 1860, gefolgt von einer romantisch bis realistisch geprägten „Meeresküste“ des Landschaftsmalers Antal Ligeti (1823-1890) von 1879. Die ungarische Freilichtmalerei von Nagybánya ist mit einem leuchtend-lebendigen Hügelhang mit Auwald von Valér Ferenczy (1885-1954) vertreten.

 

Sándor Ziffer (1880-1962) hatte seine Wurzeln in dieser Freilichtmalerei, brach jedoch mit deren zwischen Barbizon und Impressionismus gelegener Tradition, wählte den Weg der expressiven Farbe, wovon „Kereszhtegy von Nagyabánya“ ein brillantes Beispiel ist. Eine Landschaft von Béla Kádár (1877-1956) aus den 1920er Jahren erinnert durchaus an deutsche Expressionisten wie Kirchner oder Heckel.

 

Mit traditioneller, leicht impressionistischer Vedutenmalerei aus den 1920er/30erJahren zweifach vertreten ist Antal Berkes (1874-1938), zu sehen sind einmal Budapest und einmal, passenderweise, Berlin – Unter den Linden. Eine eindrucksvolle und äußerst ungewöhnliche Ansicht der Prager Altstadt kommt von Ernö Fischer (1914-2002).

 

Das Stilleben ist mehrfach vertreten, von klassizistisch (János Molnár Z., 1880-1960) bis modern (László Viski Balás, 1909-1964). Am beeindruckendsten in dieser Gattung ist jedoch das „Stilleben mit Flieder und Orangen“ von Lajos Szlányi (1869-1949), dem Begründer der Szolnoker Künstlerkolonie. Interessant auch ein Doppelporträt von Aurél Emőd (1897-1958). Freunde der geometrischen Abstraktion kommen unter anderem mit einem gelungenen Großgemälde Árpád Müllers (1961-2006) auf ihre Kosten. Ergänzt wird die Schau durch eine Reihe von Skulpturen. Eine begleitende Broschüre war bei unserem Besuch leider gerade vergriffen, wird jedoch möglicherweise nachgeliefert (bei den Verweisen findet sie sich als pdf-Dokument).

 

Alles in allem ein Geheimtip, auf welchen die einschlägigen Kunstmagazine leider kaum hinwiesen (auch die Art Depesche wurde erst spät und „zufällig“ darauf aufmerksam) – nicht oft bietet sich hierzulande ein solcher Einblick in die Kunst Ungarns. Die „Perlen der Corvinus-Collection“ betitelte Schau ist, bei freiem Eintritt, noch bis zum 18. November 2018, von Montag bis Donnerstag von 8.00 bis 16.30 Uhrsowie Freitag von 8.00 bis 14.00 Uhr in der ungarischen Botschaft (Unter den Linden 76, 10117 Berlin) zu besichtigen. Es lohnt sich!

 

Verweise:

https://www.kempinski.com/de/budapest/hotel-corvinus/presseraum/perlen-der-corvinus-collection-in-berlin/
https://kempinski-dev.s3.amazonaws.com/34372902/kempinski-corvinus-kunstsammlung-in-berlin-2018.pdf

Letzte Änderung am Donnerstag, 01 November 2018 22:48
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Sándor Ziffer „Kereszhtegy von Nagyabánya“ (Öl auf Leinwand, Mitte des Jahrhunderts, Kempinski Hotel Corvinus Budapest)
Sándor Ziffer „Kereszhtegy von Nagyabánya“ (Öl auf Leinwand, Mitte des Jahrhunderts, Kempinski Hotel Corvinus Budapest)

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